Kurzprotokoll der Konferenz „Roadmap to 1325“
Ute Scheub

ERSTER TAG:

Impulsreferat von Andreas Zumach, Journalist in Genf, mit 5 Empfehlungen: Die EU hat auf dem Balkan kläglich versagt, und zwar nicht militärisch, wie viele behaupten, sondern aufgrund einer völlig falschen Konfliktanalyse. Doch das angeblich militärische Versagen förderte in der Folge einen Militarisierungsschub, bei dem die zivilen Elemente von Konfliktbearbeitung in den Hintergrund gerieten. In Bosnien ist keine Stabilisierung zu erwarten, solange der auf „ethnisch gesäuberten“ Gebieten beruhende Dayton-Vertrag nicht korrigiert wird.

1-Die EU muss klaren Vorrang auf zivile Instrumente der Konfliktbearbeitung legen. Das muss sich auch bei den planerischen, finanziellen und menschlichen Ressourcen zeigen und in der Umsetzung von Resolution 1325 in allen EU-Missionen.

2-Bei der militärisch-zivilen Zusammenarbeit muss das zivile Element stets den Vorrang haben

3-Die EU sollte sich als Zivilmacht und Völkerrechtspolizei profilieren, und zwar unter dem Dach einer reformierten UNO. Die EU muss sich in allen Auslandsmissionen an die UN-Charta binden.

Kommentar von Simone Wisotzki vom Hessischen Institut für Friedens- und Konfliktforschung mit 5 Empfehlungen: Die Umsetzung von 1325 in EU-Missionen ist beklagenswert. Die EU hat noch nicht verstanden, dass Frieden auch Frieden zwischen den Geschlechtern ist und mehr als „adding women to the process“.

1-Gender muss ins zivile Krisenmanagement integriert werden, zum Beispiel mit Gender Focal Points und EU-Special Representatives

2-Gendertraining für EU-Personal mit Best Practices und konkreten Beispielen

3-Betroffene Bevölkerungs- und Frauengruppen müssen kontaktiert werden

4-Die Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) muss vor allem auf Prävention setzen, statt auf reaktives Krisenmanagement fixiert zu bleiben.

5-Resolution 1325 muss auf EU-Ebene wie national umgesetzt werden, unter anderem durch Netzwerkarbeit von NGOs.

Osteuropa: Input von Osnat Lubrani, Unifem Bratislava, mit 5 Empfehlungen: Die EU hat auf dem Balkan zu spät und mit den falschen Mitteln interveniert. Beim Dayton-Abkommen war keine einzige Frau beteiligt, was vielleicht auch dessen schlechte Qualität erklärt.

1-Bei Geschlechterfragen ist die EU in der Dokumentation vielfältig, in der Umsetzung schwach (Beispiel Arbeitsmarkt – die Frauen haben schlechtere Chancen).

2-Geschlechtergleichheit reicht nicht, man muss auch in die Bewusstseinsbildung investieren.

3-Die EU fördert vor allem die Regierungs-Infrastruktur in den osteuropäischen Ländern, aber nicht die Zivilgesellschaft – ein Fehler.

4-Die EU muss garantieren, dass Frauen auf allen Entscheidungsebenen beteiligt sind

5-Die Eu darf Inaktivitäten der einzelnen Länder bezüglich Frauen nicht länger dulden

Kosovo: Input von Igo Rogova, Direktorin des Kosova Women´s Network

(Zusammenschluss von 85 Frauen-NGOs): Die überethnisch arbeitenden Frauen-NGOs hielten im Krieg zusammen und hielten Kosova lebendig. Die UN- und EU-Abgesandten haben die Frauenorganisationen vollständig ignoriert und wollten sie nicht empfangen. Ein EU-Officer kommentierte: „We don´t care about women´s affairs.“ Demnächst beginnt eine neue EU-Mission. Sie darf die Fehler der UN nicht wiederholen und muss die Zivilgesellschaft und die Frauenorganisationen integrieren!

Afghanistan: Input von Horia Mosadiq, Direktorin des Human Rights Consortium (Zusammenschluss von 40 Menschenrechtsorganisationen): Das Petersberger Abkommen verpflichtete die afghanische Übergangsregierung, Frauen in den politischen Prozess einzubeziehen. In einem technischen Sinn ist das gelungen, 28 % der Abgeordneten sind weiblich. Aber die Regierung fühlt sich für die Durchsetzung von Frauenrechten nicht verantwortlich, sie ignoriert die Frauenorganisationen.

-Die Geberländer müssen mehr Druck ausüben, damit sich das ändert.

-Wir brauchen eine langfristige Unterstützung und Capacity building für Frauen allgemein und weibliche Abgeordnete speziell.

-Die Geberländer sollten versuchen, die Amnestie für Kriegsverbrecher rückgängig machen zu lassen.

-Die am Wiederaufbau beteiligten Organisationen müssen nach und nach afghanisiert werden.

Lynne Alice, australische Professorin, Ex-Beraterin in Bosnien, mit Empfehlungen: Das Dayton-Friedensabkommen von 1995 wurde ohne Frauen und ohne Frauenbezug geschlossen. Seitdem gibt es eine „deliberative democracy“. Eine Gender-Architektur wurde installiert, aber die Frauen sind auf den verschiedenen Ebenen kaum repräsentiert.

-Frauenrechte müssen in den Bildungsprogrammen präsent sein

-Der Kampf gegen Frauenhandel muss verstärkt werden

-Verstärkte Rechte für Rückkehrer

-Lokale Organisationen, besonders Frauenorganisationen, müssen stärker unterstützt werden

Samira Khoury, Professorin in Beirut, WILPF: Setzt eure Regierungen bezüglich Frieden in Nahost unter Druck, lasst uns nicht allein! Roadmaps brauchen Brücken für Frieden und nicht neue Mauern wie zwischen Israel und Palästina. Eure Regierungen sollten die arabische Friedensinitiative von 2002 unterstützen mit den Forderungen nach Land für Frieden und einem nuklear- und rüstungsfreien Naher Osten. Resolution 1325 sollte Teil dieser Initiative werden.

Kongo: Charlotte Isaksson, Gender Adviser bei der Schwedischen Armee im Kongo: Die EU-Mission zum Schutz der Wahlen im Kongo war mit vier Monaten nur kurzfristig angelegt. Ich habe immer noch Kontakte zu Frauenorganisationen im Kongo, sie finden nicht, dass die Wahlen selbst gut gelaufen sind, denn das Resultat war, dass Frauen mit politischen Erfahrungen nicht mehr im Parlament präsent sind. Beim Thema Gender war unsere Mission jedoch erfolgreich und effizient, das sagten am Ende auch die Commanders, obwohl zu Beginn in der Potsdamer Kommandozentrale niemand verstand, was ich dort tun wollte. Meine 20 Gender Focal Points und ich stellten nämlich den Kontakt zur Zivilbevölkerung her. Ich trainierte 300 Offiziere, nur einer hatte schon mal was von Resolution 1325 gehört. EU-Missionen sollten schon in der Fact Finding Phase die Genderfrage einbeziehen.

Empfehlungen aus den Arbeitsgruppen:

Afghanistan (hier habe ich leider am wenigsten selbst mitgeschrieben, weil ich mit der Systematisierung und Visualisierung der Forderungen so beschäftigt war):

-Geberländer sollten Hilfe an Bedingungen knüpfen: an die Einhaltung und Beförderung der Frauenrechte

-Opfergruppen haben Angst, in der Öffentlichkeit zu reden. Sie müssen mehr unterstützt werden, die Amnestie für Kriegsverbrecher muss aufgehoben werden

-Frauen, die sexualisierter Gewalt zum Opfer fielen, müssen bei Polizei und Justiz Gehör finden

Kosovo:

-Die kommende EU-Mission muss ein Gender- und Cultural Training bekommen

-Der Frauenanteil bei EU-Missionen und in den Entscheidungsgremien der EU muss erhöht werden

-Das Fachwissen von Frauengruppen und lokalen ExpertInnen muss einbezogen und genutzt werden

-Die Missionen müssen rechenschaftspflichtig gemacht werden

-Es muss mehr Druck auf das EU-Parlament ausgeübt werden

-Eine Delegation von Kosova-Frauen muss von den EU-Gremien empfangen werden

Kongo:

-Resolution 1325 ist kaum bekannt und kaum übersetzt

-Man braucht Gender Advisers auf allen Ebenen

-Man braucht Männer, um 1325 zu propagieren und umzusetzen und zivile Formen von Männlichkeit vorzuzeigen

Bosnien:

-Die Gender Equality Gesetze sind gut, müssen aber endlich umgesetzt werden, vor allem auch auf lokaler Ebene

-Frauengruppen müssen einbezogen werden, Jugendgruppen ebenfalls

-Resolution 1325 muss bekannter gemacht werden

-Ein Langzeit-Rehabilitationsprogramm wird benötigt

-Die EU-Politik verhindert die ökonomische Erholung des Landes

-Die EU-Missionen und -Delegationen müssen gegendert werden

Nahost:

-Der Austausch von Informationen über das Leiden der Menschen muss vergrößert werden

-Der Mauerbau muss gestoppt, palästinensische Gefangene müssen freigelassen werden

-Die EU sollte eine internationale Friedenskonferenz mit 50 Prozent Frauenanteil unterstützen

Kaukasus:

-Das Bewusstsein über Friedensfrauen und Resolution 1325 muss auf lokaler Ebene vergrößert werden

-Man braucht Pionierländer mit guten 1325-Projekten

Podiumsdiskussion am Abend:

Anna Gomes, portugiesische EU-Abgeordnete: Ich habe einen Report über die Implementierung von Resolution 1325 auf EU-Ebene gemacht. Selbst innerhalb der EU waren die Daten dafür schwer zu bekommen. In der EU-Kommission kann von Parität keine Rede sein, gerade eine von 14 Special Representatives ist eine Frau, von 107 Botschaftskommissionen haben nur 7 weibliche Chefs. Die Liberalen und Konservativen haben meinen Report und seine Empfehlungen für alle Ebenen von Friedensmissionen leider nicht unterstützt. Dabei haben auch die EU-Militärs im Kongo bemerkt, dass die Gender Focal Points extrem wichtig waren und die Effektivität der Mission stark erhöht haben. In Aceh gab es eine zivile EU-Mission ohne eine einzige Frau – und das, obwohl die Bevölkerung dort mit einer fundamentalistischen Gruppe konfrontiert war.

Nicole Reckinger, zuständig für Menschenrechte in der EU-Kommission: Das Thema Resolution 1325 kam überhaupt erst 2005 auf, als die Gleichberechtigungsministerinnen tagten. Die Implementierung ist auf nationaler Ebene höchst unterschiedlich ausgeprägt. Wir brauchen dazu keine neuen Dokumente, sondern endlich die Umsetzung.

Frauke Seidensticker, Deutsches Institut für Menschenrechte, mit 5 Empfehlungen: Wir brauchen eine breite menschenrechtliche Begründung für Genderbezug in Missionen. CEDAW ist die meistratizifierte Konvention der Welt, und allein schon aus diesem Regelwerk ergeben sich Verhaltensstandards für EU-Missionen sowie Empfehlungen zum Umgang mit Zivilbevölkerung und NGOs.

1-Die zivilen Aspekte der europäischen Sicherheitspolitik müssen gestärkt werden, schon im Vorweg und in der Planungsphase empfiehlt sich eine breite Sichtweise inklusive Gender-Aspekten.

2-Gendertrainings sind nötig, man braucht dafür auch überzeugende Geschichten aus vorhergehenden Missionen

3-Gender-ExpertInnen müssen bei der Vorabklärung einer Mission mitarbeiten

4-Gender Advisers müssen in Missionen integriert werden. Die Zivilbevölkerung muss wissen, dass es eine Anlauf- und Beschwerdestelle auch für strafrechtlich Relevantes gibt – dafür ist bisher nur jedes Mitgliedsland verantwortlich

5-Auswertungen von Missionen sollten intern und öffentlich und mit externer Evaluation erfolgen

Friedrich Däuble, Beauftragter für den Aktionsplan zivile Konfliktlösung im Auswärtigen Amt: Der Aktionsplan zivile Konfliktlösung ist fast das beste Dokument, was eine Bundesregierung je verabschiedet hat – in Kooperation mit NGOs. Von Gender ist dort auch die Rede, allerdings nicht sehr viel. Ich wehre mich gegen die Behauptung, die EU militarisiere sich. Eine der wichtigsten Lessons learnt aus dem Kongo ist die Einrichtung der Gender Focal Points. In Afghanistan versuchen wir möglichst viel Polizistinnen auszubilden, was nicht einfach ist.

Kerstin Müller, Bundestagsabgeordnete der Grünen, früher Staatsministerin im Auswärtigen Amt: Die Umsetzung von Resolution 1325 lebt in der EU und der UNO von den Nationalstaaten. Ich wollte unter der rot-grünen Regierung einen nationalen Aktionsplan zur Umsetzung von 1325, konnte mich aber nicht durchsetzen. Die Fraktion der Grünen hat am Internationalen Frauentag einen Antrag zu einem solchen gestellt, er liegt jetzt in den Ausschüssen. Die Frauen von SPD und CDU fänden einen solchen Aktionsplan richtig, ich bin optimistisch, dass wir das hinkriegen. Wichtig ist darin auch ein Monitoring-Mechanismus: Frauen aus NGOs und andere sollten seine Umsetzung beobachten, die Fortschritte sollten alljährlich am 8.März überprüft werden.

ZWEITER TAG:

Aktionspläne zur Umsetzung von Resolution 1325

Karen Barnes, European Peace Liaison Office (EPLO, Zusammenschluss von 21 Organisationen): In der EU wird Resolution 1325 viel zu wenig umgesetzt. Die Resolution wird immer noch als Frauensache angesehen. Es gibt diesbezüglich auch wenig Koordination zwischen den verschiedenen EU-Institutionen. Wir brauchen einen EU-weiten Aktionsplan zur Umsetzung. Die Resolution ist für Männer keine Frage von Altruismus, sondern dient auch ihren Interessen. Gender ist eine zentrale Kategorie für Friedensprozesse.

Anny Barrow, Uni Manchester, WILPF England: Der britische Aktionsplan wurde erst nach der Aufforderung von Kofi Annan 2006 installiert. Er ist ziemlich simpel und enthält 12 Aktionspunkte, unter anderem Gender Justice und Kooperation mit NGOs. Er wurde vom Verteidigungs-, Außen- und Entwicklungsministerium entworfen, eine Associate Parlamentary Group on Women, Peace and Security mit der Abgeordneten Joan Ruddock als Chair begleitet seine Umsetzung. Bisherige Themen: Irak, Afghanistan, Widowhood. Diese Gruppe arbeitet zusammen mit GAPS, der Gender Acition for Peace and Security, eine 2004 gegründete ehrenamtliche Expertengruppe, bestehend aus International Alert, WILFP, Northern Ireland Women, Widows for Peace. GAPS beobachtet die Umsetzung von 1325.

Kerstin Grebäck, WILPF Schweden: Kofi Annans Aufforderung, nationale Aktionspläne vorzulegen, beförderte den von Schweden. Die Regierung schuf dafür im Dezember 2004 eine interministerielle Gruppe unter Federführung des Ministerpräsidenten, des Auswärtigen Amtes und des Verteidigungsministeriums. Die Universität von Uppsala unterstützte den Prozess mit Fachwissen. Im Frühjahr 2005 fand ein zweitägiges Seminar statt mit allen Beteiligten und der Zivilgesellschaft, auch WILPF, dem zwei weitere Treffen folgten. Es wurde ein Dreijahresplan verabschiedet, mit einem wonderful wording, aber einem großen Fokus auf dem Militär und nicht so sehr auf Frauen als Akteurinnen. Jetzt haben wir eine andere, konservative Regierung. 2005 wurde „Operation 1325“ gegründet, an der unter anderem Unifem und die schwedische Women´s Lobby teilnehmen. Das ist ein Netzwerk, das für zwei Jahre vom Parlament und der Uni finanziert wird. Es will 1325 bekannter machen und als Lobby fungieren.

Mari Holmboe Ruge, WILPF Norwegen: Seit dem 8.März 2006 haben wir einen Nationalen Aktionsplan, vorgelegt durch die neue linke Regierung. Er ist jetzt ein Jahr in Kraft, wir hofften auf eine Überprüfung, aber die geschah nicht. Das Budget für Frauen in Entwicklungsländern wurde erhöht, es gab gewisse politische Versprechen. Faktisch wird die Resolution vor allem dazu benutzt, mehr Frauen ins Militär zu bekommen. In Afghanistan sind 12 % der eingesetzten norwegischen Soldaten weiblich.

Cordula Reimann, KOFF Schweiz: Der nationale Aktionsplan wurde am 8.März 2007 veröffentlicht, die Schweizer Regierung schafft es, damit internationales Ansehen zu erringen. Es gibt sechs wichtige Lessons learnt:

1-Nationale Aktionspläne sind immer auf das jeweilige Land und seine Bedingungen bezogen, in der Schweiz ist das das „Konsensprinzip“.

2-Die Umsetzung muss ein institutionalisierter Mechanismus sein mit regulären Meetings. In der Schweiz ist das eine interparlamentarische Arbeitsgruppe.

3-Man bedarf vieler kritischer Frauenorganisationen als Watchdogs, die Druck ausüben. In der Schweiz gab es eine vom deutschen Frauensicherheitsrat abgeguckte Postkartenaktion zur Umsetzung von 1325.

4-Man braucht das Versprechen einer Regierung, sich zu engagieren.

5-Die Umsetzung muss einen Prozess zwischen Ministerien und NGOs sein. In der Schweiz kommentierten die NGOs den Entwurf kritisch.

6-Die Regierung muss erklären, welche Fortschritte sie bei der Umsetzung macht, Resolution 1325 muss ein Living Document sein.

Wichtige Punkte der Beiträge aus dem Publikum:

-Nationale Aktionspläne dürfen nicht zur Falle werden, dass mehr Frauen ins Militär gehen

-Sie müssen per Gender Budget finanziell abgesichert und ausgestattet werden

-Sie müssen von mehreren Ministerien getragen werden

-Eine assoziierte parlamentarische Gruppe ist anzustreben

-Die Umsetzung muss ein politischer Prozess mit mindestens jährlichen Beratungstreffen mit NGOs werden

-Best Practices sind zu sammeln

Die Situation in Darfur:

Lotte Leicht, Direktorin von Human Rights Watch Brüssel: Bezüglich Darfur haben alle versagt – die sudanesische Regierung, UN, AU, EU. Bisher sind 200.000 Menschen getötet und 4 Millionen vertrieben worden, eine Million ist ohne Versorgung. Kein weibliches Wesen ist dort sicher. Frauen und Mädchen werden auch in den Flüchtlingslagern und beim Sammeln von Feuerholz vergewaltigt, oft durch Gangs und Uniformierte. Zeitweise gab es Patrouillen zu ihrem Schutz, aber diese wurde aus Geldmangel eingestellt. Auch die Angestellten von Hilfsorganisation werden sexuell bedroht. Der Direktor der Ärzte ohne Grenzen wurde in Khartoum verhaftet, weil er 500 Fälle von Vergewaltigung dokumentiert hatte. Die sudanesische Regierung tut immer gerade so viel, dass Sanktionen vermieden werden. Bisher fielen nur vier Personen unter die UN-Sanktionen. Die deutsche Ratspräsidentschaft muss die anderen EU-Länder zu gemeinsamen Sanktionen kriegen, denn der UN-Sicherheitsrat ist wegen der chinesischen Ölinteressen in Darfur in dieser Sache handlungsunfähig.

-Merkel drohte dem sudanesischen Präsidenten mit persönlichen Konsequenzen, dieses Versprechen muss sie halten! Banken und Konten der von den Verbrechen Profitierenden sind einzufrieren.

-Merkel muss eine Untersuchung starten, welche Unternehmen in Brüssel durch sudanesische Regierungsmitglieder gehalten werden

-Die UN muss den Sudan zwingen, 8-10 % der Öleinnahmen in einen Fonds zur Entschädigung der Opfer einzuzahlen. China und Indien würden damit gezwungen, ebenfalls in diesen Fonds zu zahlen. Die Kompensation muss unter internationaler Kontrolle stattfinden.

Safaa Adam, West-Darfur, eine der „1000 Peacewomen for the Peace Nobel Prize 2005“:

Die internationale Gemeinschaft übt zuwenig Druck auf die sudanesische Regierung aus. In Darfur ist die Bevölkerungsmehrheit weiblich. Die Vergewaltigungen und die Stammeskonflikte nahmen nach dem (gebrochenen) Friedensabkommen noch zu. Auch in den Flüchtlingslagern sind 85 % der Menschen Frauen und Kinder, sie werden durch Polizisten und Janjaweeds attackiert, die sich neuerdings auch Grenztruppen nennen und Polizeiuniform tragen. Die AU-Truppen dürfen nur beobachten und können sich nicht mal selbst schützen. Wir brauchen ein spezielles UN- oder EU-Mandat mit Missionen für die Flüchtlingslager und Dörfer, und mit Gender Advisers. Es gibt politische Verhandlungen, hier müssen die Frauen beteiligt werden, ihre Stimmen müssen gehört werden. Es gibt keine einzige Frau in den Übergangsautoritäten in Darfur. Vergewaltiger gehen bisher straffrei aus, die Frauen gehen nicht zu den Gender Focal Points im Justizministerium, weil vergewaltigte Frauen vor Gericht oft als Huren behandelt werden. Auch hierin brauchen wir Unterstützung. Immerhin haben wir es bei den Friedensverhandlungen im Dezember 2005 geschafft, das Abschlussdokument zu „gendern“. Wir forderten unter anderem die Umsetzung von Resolution 1325. Ohne Frauen in den Entscheidungsgremien und Friedensverhandlungen wird die Situation nicht gelöst.

Ergebnisse aus den Weltcafés:

Networking:

-In manchen Ländern ist es besser, nur auf nationaler Ebene zu arbeiten, in anderen sollte man besser die EU „zu Hilfe“ rufen

-Europäische Frauen-APO oder Europäischer Frauensicherheitsrat?

-Es sollte ein Fonds für Friedensfrauen und ihre Treffen gegründet werden

Roadmap:

-Wir brauchen nationale und einen EU-weiten Aktionsplan mit Quoten, Indikatoren, Rechenschaftspflicht der Regierungen, Überprüfungsmechanismen

-Es sollte eine Steuerungsgruppe auf europäischer Ebene geschaffen werden

-1325 muss ein „brand“, eine Marke werden

-Im Jahre 2010 sollte das 10-jährige Jubiläum von 1325 ein großes Event werden

Lobbying:

-Wir brauchen Listen von qualifizierten Frauen und 1325-Freunden auf nationaler und EU-Ebene

-Wir brauchen jährliche Treffen von Lobbygruppen

-Wir fordern eine High Seniuor Gender Position auf höchster EU-Entscheidungsebene und eine institutionalisierte Task Force on Gender, Peace and Security

-Rüstungsexportierende Regierungen sollten zur Umschichtung in Friedensfonds gezwungen werden

-Wir sollten TV-Debatten zu 1325, Songs und Dramas zu entwickeln versuchen

DRITTER TAG:

Podiumsdiskussion zur Staffelübergabe an Portugal und Slowenien

Friedrich Däube, Auswärtiges Amt: Ich verspreche, das Thema Gender im Ressortkreis Krisenprävention stärker in den Vordergrund zu rücken.

Senior Tibero, Portugiesische Botschaft: Resolution 1325 ist ein Meilenstein, den wir in allen Friedensprozessen brauchen. Portugal wird sich als kommende EU-Ratspräsidentin anstrengen, die Resolution umzusetzen.

Anna Gomes, portugiesische EU-Abgeordnete: Das freut mich zu hören. Ich verspreche, verschiedene NGOs in Portugal anzusprechen, damit wir den Staffellauf in Sachen 1325 fortsetzen können.

Sonia Lokar, slowenische Friedensaktivistin, Gender Task Force im Stabilitätspakt: Wir osteuropäischen Frauen wurden, schon bevor die Kriege in Ex-Jugoslawien begannen, aus den Parlamenten rausgeschmissen. Nach dem Krieg begann dasselbe Spiel durch die internationale Gemeinschaft: Die Frauen wurden zurückgestoßen, die früheren Warlords konnten ihre Karrieren beginnen. Danke, internationale Gemeinschaft! Nein, wir brauchen eine andere, eine transformative Politik. Jetzt müssen wir reparieren, was die internationale Gemeinschaft vor zehn Jahre kaputtmachte. Wir Frauen müssen in allen Entscheidungsgremien zu 50 Prozent beteiligt werden. Wir brauchen eine Sandwich-Taktik: Druck von oben und unten, um die männlichen Führer zu quetschen. Die Gender Task Force ist nur unter dem politischen Druck von 1500 NGOs und Einzelpersonen eingerichtet worden. Mit nur 0,037 Prozent des Gesamtbudgets des Stabilitätspaktes haben wir erreicht, dass der Frauenanteil in den Parlamenten wieder auf 20 Prozent anstieg.

Ergebnisse der Abschlussrunde in der Fischbowl (unvollständig, ich war nur teilweise anwesend):

-Briefe an die EU-Institutionen und nationalen Regierungen mit unseren Forderungen verschicken

-Nächste EU-weite 1325-Konferenz findet am 26.10.2007 in Lissabon statt

-EU-weite Aktionen am 30.10., dem Jahrestag der Verabschiedung von Resolution 1325

-Schattenberichte bezüglich 1325-Umsetzung verfassen

-EU-Mission im Kosovo kritisch beobachten

-Steuerungsgruppe für einen Europäischen Frauensicherheitsrat bzw. die europaweite Verlinkung von 1325-Aktivitäten aufbauen (mit EPLO und anderen)


Kurzprotokoll der Konferenz "Roadmap to 1325"

Abschlusserklärung

Pressemeldung der Heinrich-Böll-Stiftung

Brief an Bundeskanzlerin Merkel        unterzeichnende Organisationen        Verteiler

Brief an Solana

Interview Heidi Meinzolt für die taz

Rede von R. Augstein (BMFSFJ) zur Eröffnung der Konferenz

Amy Barrow: UK National Action Plan 1325

Silvana Simone (Artecultura)